RPG-Maker Quartier

Hier dreht sich alles um die RPG-Maker-Reihe von ASCII/Enterbrain. Der RPG-Maker ist ein Tool, mit dem du dir dein eigenes kleines Rollenspiel erstellen kannst. Du findest hier alles, was du dazu brauchst. Aber natürlich umfasst die Community noch mehr!
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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Mo Mai 28, 2012 19:53 
Zitat:
massiv

Zitat:
massivst

Zitat:
keinster

:kitten:

Solange man sie nicht präzise auf den Punkt bringen kann, traue ich Prophezeiungen nicht über den Weg. Je abstrakter und uneindeutiger sie sind, desto genauer pflegen sie in Erfüllung zu gehen.


Zuletzt geändert von Bandanbladderstiddle am Mo Mai 28, 2012 20:23, insgesamt 2-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Mo Mai 28, 2012 20:16 
Lessing hat geschrieben:
Die Gabe sich widersprechen zu lassen, ist wohl überhaupt eine Gabe, die unter den Denkern nur die Toten haben. Nun will ich sie eben nicht für so wichtig ausgeben, daß man, um sie zu besitzen, gestorben zu sein wünschen sollte: denn um diesen Preis sind vielleicht auch größre Vollkommenheiten zu teuer. Ich will nur sagen, daß es sehr gut sein würde, wann auch noch lebende Denker, immer im voraus, ein wenig tot zu sein lernen wollten.


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Gnu-Hirte
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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Mi Jun 06, 2012 20:09 
Zitat:
»Wer mit zwanzig kein Revolutionär war, hat kein Herz. Wer es mit dreißig noch ist, hat keinen Verstand«


G. B. Shaw

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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Do Jun 07, 2012 16:42 

        Herrschaftsfreiheit


        Zu sagen
        "Hier
        herrscht Freiheit"
        ist immer
        ein Irrtum
        oder auch
        eine Lüge:

        Freiheit
        herrscht nicht


        - Erich Fried

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to the land of what-might-have-been.
but that doesn't soften the ache wie feel
when reality sets back in.

 
 
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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Do Jun 07, 2012 22:18 
[youtube]sFDI_NGjaLY[/youtube]
Samuel Beckett hat geschrieben:
I'm all these words, all these strangers, this dust of words, with no ground for their settling, no sky for their dispersing, coming together to say, fleeing one another to say, that I am they, all of them, those that merge, those that past, those that never meet, and nothing else, yes, something else, that I'm something quite different, a quite different thing, a wordless thing in an empty place, a hard shut dry cold black place, where nothing stirs, nothing speaks, and that I listen, and that I seek, like a caged beast born of caged beasts born of caged beasts born in a cage and dead in a cage, born and then dead, born in a cage and then dead in a cage, in a word like a beast, in one of their words, like such a beast, and that I seek, like such a beast, with my little strength, such a beast, with nothing of its species left but fear and fury, no, the fury is past, nothing but fear, nothing of all its due but fear centupled, fear of its shadow, no, blind from birth, of sound then, if you like, we'll have that, one must have something, it's a pity, but there it is, fear of sound, fear of sounds, the sounds of beasts, the sounds of men, sounds in the daytime and sounds at night, that's enough, fear of sounds, all sounds, more or less, more or less fear, all sounds, there's only one, continuous, day and night, what is it, it's steps coming and going, it's voices speaking for a moment, it's bodies groping their way, it's the air, it's things, it's the air among the things, that's enough, that I seek, like it, no, not like it, like me, in my own way, what am I saying, after my fashion, that I seek, what do I seek now, what it is, it must be that, it can only be that, what it is, what it can be, what what can be, what I seek, no, what I hear, I hear them, now it comes back to me, they say I seek what it is I hear, I hear them, now it comes back to me, what it can possibly be, and where it can possibly come from, since all is silent here, and the walls thick, and how I manage, without feeling an ear on me, or a head, or a body, or a soul, how I manage, to do what, how I manage, it's not clear, dear dear, you say it's not clear, something is wanting to make it clear, I'll seek, what is wanting, to make everything clear, I'm always seeking something, it's tiring in the end, and it's only the beginning ...

[youtube]nVI5cz8H0M4[/youtube]


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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Do Sep 13, 2012 23:48 
« Zig zig avec toi
Et lorsque ton corps zigzague
Zig zig toi et moi
Hum ! quel émoi

Zig zig oui je t’aime
J’aime ton petit corps blême
Zig zig toi et moi
Hum ! quel émoi

Big big je vois grand
N’est-c’pas qu’je suis un bon zigue
Big big c’est pour toi
Big big hum ! quel émoi

Big big mon amour
Est si grand qu’j’en fais pas l’tour
Big big c’est pour toi
Big big hum ! quel émoi »

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Yoji
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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Mo Nov 19, 2012 23:09 
Friedrich Nietzsche hat geschrieben:
Der Intellekt als Mittel zur Erhaltung des Individuums entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiss zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, dass fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht „Formen“, ihre Empfindung führt nirgends in die Wahrheit, sondern begnügt sich, Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen. Dazu lässt sich der Mensch nachts ein Leben hindurch im Traume belügen, ohne dass sein moralisches Gefühl dies je zu verhindern suchte: während es Menschen geben soll, die durch starken Willen das Schnarchen beseitigt haben. Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu perzipieren? Verschweigt die Natur ihm nicht das allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluss der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes gauklerisches Bewusstsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte, dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit!


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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Mo Jan 14, 2013 22:48 
kierkegaard über twitter:
Zitat:
Der Mensch, dieser gewitzigte Kopf, sinnt Tag und Nacht darüber nach, wie er zur Verstärkung des Lärms immer neue Mittel erfinden und mit größtmöglicher Hast das Geräusch und das leere Gerede möglichst überallhin verbreiten kann. Ja, was man auf solche Weise erreicht, ist wohl bald das Umgekehrte: die Mitteilung ist an Bedeutungsfülle bald auf den niedrigsten Stand gebracht, und gleichzeitig haben umgekehrt die Mittel der Mitteilung in Richtung auf eilige und alles überflutende Ausbreitung wohl das Höchstmaß erreicht, denn was wird wohl hastiger in Umlauf gebracht als das Geschwätz?


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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Mo Feb 04, 2013 8:19 
Henryk sez hat geschrieben:
Es stimmt, Israel ist heute mehr Täter als Opfer. Das ist auch gut und richtig so, nachdem es die Juden fast 2000 Jahre lang mit der Rolle der ewigen Opfer versucht und dabei nur schlechte Erfahrungen gemacht haben. Täter haben meistens eine längere Lebenserwartung als Opfer und es macht mehr Spaß, Täter als Opfer zu sein.

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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Mi Feb 13, 2013 23:54 
Robert Walser hat geschrieben:
Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging ordentlich zur Schule, bin das und das und heiße so und so und denke nicht viel. Geschlechtswegen bin ich ein Mann, staateswegen bin ich ein guter Bürger und rangeshalber gehöre ich zur besseren Gesellschaft. Ich bin ein säuberliches stilles nettes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ein sogenannter guter Bürger, trinke gern mein Glas Bier in aller Vernunft und denke nicht viel. Auf der Hand liegt, daß ich mit Vorliebe gut esse, und ebenso liegt auf der Hand, daß mir Ideen fern liegen. Scharfes Denken liegt mir nämlich fern; Ideen liegen mir vollständig fern, und deshalb bin ich ein guter Bürger, denn ein guter Bürger denkt nicht viel. Ein guter Bürger ißt sein Essen, und damit basta! Den Kopf strenge ich nicht sonderlich an, ich überlasse das andern Leuten. Wer den Kopf anstrengt, macht sich verhaßt; wer viel denkt, gilt als ungemütlicher Mensch. Schon Julius Cäsar deutete mit dem dicken Finger auf den mageren hohläugigen Cassius, vor dem er sich fürchtete, weil er Ideen bei ihm vermutete. Ein guter Bürger darf nicht Furcht und Verdacht einflößen; vieles Denken ist nicht seine Sache. Wer viel denkt, macht sich unbeliebt, und es ist vollständig überflüssig, sich unbeliebt zu machen. Schnarchen und Schlafen ist besser als Dichten und Denken. Ich kam dann und dann zur Welt, ging dort und dort zur Schule, lese gelegentlich die und die Zeitung, treibe den und den Beruf, bin so und so alt, scheine ein guter Bürger zu sein und scheine gern gut zu essen. Den Kopf strenge ich nicht sonderlich an, da ich das andern Leuten überlasse. Vieles Kopfzerbrechen ist nicht meine Sache, denn wer viel denkt, dem tut der Kopf weh, und Kopfweh ist vollständig überflüssig. Schlafen und Schnarchen ist besser als Kopfzerbrechen, und ein Glas Bier in aller Vernunft ist weitaus besser als Dichten und Denken. Ideen liegen mir vollständig fern, und den Kopf will ich mir unter keinen Umständen zerbrechen, ich überlasse das leitenden Staatsmännern. Dafür bin ich ja ein guter Bürger, damit ich Ruhe habe, damit ich den Kopf nicht anzustrengen brauche, damit mir Ideen völlig fern liegen und damit ich mich vor zu vielem Denken ängstlich fürchten darf. Vor scharfem Denken habe ich Angst. Wenn ich scharf denke, wird es mir ganz blau und grün vor den Augen. Ich trinke lieber ein gutes Glas Bier und überlasse jedwedes scharfes Denken leitenden Staatslenkern. Staatsmänner können meinetwegen so scharf denken wie sie wollen und so lang, bis ihnen die Köpfe brechen. Mir wird immer ganz blau und grün vor den Augen, wenn ich den Kopf anstrenge, und das ist nicht gut, und deshalb strenge ich den Kopf so wenig wie möglich an und bleibe hübsch kopflos und gedankenlos. Wenn nur leitende Staatsmänner denken, bis es ihnen grün und blau vor den Augen wird und bis ihnen der Kopf zerspringt, so ist alles in Ordnung, und unsereins kann ruhig sein Glas Bier in aller Vernunft trinken, mit Vorliebe gut essen und nachts sanft schlafen und schnarchen, in der Annahme, daß Schnarchen und Schlafen besser seien als Kopfzerbrechen und besser als Dichten und Denken. Wer den Kopf anstrengt, macht sich nur verhasst, und wer Absichten und Meinungen bekundet, gilt als ungemütlicher Mensch, aber ein guter Bürger soll kein ungemütlicher, sondern ein gemütlicher Mensch sein. Ich überlasse in aller Seelenruhe scharfes und kopfzerbrechendes Denken leitenden Staatsmännern, denn unsereins ist ja doch nur ein solides und unbedeutendes Mitglied der menschlichen Gesellschaft und ein sogenannter guter Bürger oder Spießbürger, der gern sein Glas Bier in aller Vernunft trinkt und gern sein möglichst gutes fettes nettes Essen isst und damit basta! Staatsmänner sollen denken, bis sie gestehen, daß es ihnen grün und blau vor den Augen ist und daß sie Kopfweh haben. Ein guter Bürger soll nie Kopfweh haben, vielmehr soll ihm immer sein gutes Glas Bier in aller gesunden Vernunft schmecken, und er soll des Nachts sanft schnarchen und schlafen. Ich heiße so und so, kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort ordentlich und pflichtgemäß in die Schule gejagt, lese gelegentlich die und die Zeitung, bin von Beruf das und das, zähle so und so viele Jahre und verzichte darauf, viel und angestrengt zu denken, weil ich Kopfanstrengung und Kopfzerbrechen mit Vergnügen leitenden und lenkenden Köpfen überlasse, die sich verantwortlich fühlen. Unsereins fühlt weder hinten noch vorn Verantwortung, denn unsereins trinkt sein Glas Bier in aller Vernunft und denkt nicht viel, sondern überläßt dieses sehr eigenartige Vergnügen Köpfen, die die Verantwortung tragen. Ich ging da und da zur Schule, wo ich genötigt wurde, den Kopf anzustrengen, den ich seither nie mehr wieder einigermaßen angestrengt und in Anspruch genommen habe. Geboren bin ich dann und dann, trage den und den Namen, habe keine Verantwortung und bin keineswegs einzig in meiner Art. Glücklicherweise gibt es recht viele, die sich, wie ich, ihr Glas Bier in aller Vernunft schmecken lassen, die ebenso wenig denken und es ebenso wenig lieben, sich den Kopf zu zerbrechen wie ich, die das lieber andern Leuten, z. B. Staatsmännern freudig überlassen. Scharfes Denken liegt mir stillem Mitglied der menschlichen Gesellschaft gänzlich fern und glücklicherweise nicht nur mir, sondern Legionen von solchen, die, wie ich, mit Vorliebe gut essen und nicht viel denken, so und so viele Jahre alt sind, dort und dort erzogen worden sind, säuberliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind wie ich, und gute Bürger sind wie ich, und denen scharfes Denken ebenso fern liegt wie mir und damit basta!


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Yoji
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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Do Feb 14, 2013 1:48 
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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Di Apr 23, 2013 21:21 
György Konrad (verfasst um 1987/88) hat geschrieben:
Die handelnden Subjekte der Politik sprechen im allgemeinen in der ersten Person Plural. Sie tun gut daran, denn dadurch verleihen sie ihren Worten Nachdruck und avancieren zu den Stars der Politik, sich immer auf andere, auf viele andere Menschen berufend. Deshalb sehen wir sie so oft auf dem Bildschirm. Deshalb hängen wir von ihnen ab, natürlich in unterschiedlichem Maße. In Zürich beispielsweise weniger als in Budapest, trotzdem aber gibt es Städte, in denen die Abhängigkeit noch viel unangenehmer ist als in Budapest. Sie sind nicht sie selbst, die Politiker sind nicht Personen, sondern Sprachrohre, ihre Aufgabe ist es, etwas Allgemeines zu vertreten, günstigenfalls die Mehrheit, schlechterenfalls die Gesamtheit. Sie verfügen über das gesetzliche oder als solches deklarierte Gewaltmonopol.


Ein genialer Essayist.

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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Mi Apr 24, 2013 2:05 
Flaming für Fortgeschrittene

Lessing hat geschrieben:
Sie haben mich feindseliger Angriffe auf die christliche Religion beschuldiget; Sie haben mich förmlicher Gotteslästerungen beschuldiget; Sagen Sie selbst: wissen Sie infamierendere Beschuldigungen, als diese? Wissen Sie Beschuldigungen, die unmittelbarer Haß und Verfolgung nach sich ziehen? Mit diesem Dolche kommen Sie auf mich eingerannt, und ich soll mich nicht anders, als den Hut in der Hand, gegen Sie verteidigen können? soll ganz ruhig und bedächtig stehn bleiben, damit ja nicht Ihr schwarzer Rock bestaubt werde? soll jeden Atemzug so mäßigen, daß ja Ihre Perrücke den Puder nicht verliere? Sie schreien über den Hund, »er ist toll!« wohl wissend, was die Jungen auf der Gasse daraus folgern: und der arme Hund soll gegen Sie auch nicht einmal blaffen? blaffend Sie nicht Lügen strafen? Ihnen nicht die Zähne weisen? Das wäre doch sonderbar.

Zitat:
Was enthält diese Goezische Scharteke? Nichts enthält sie, als elende Rezensionen, die in den freiwilligen Beiträgen schon stehen, oder wert sind darin zu stehen. Doch ja; sie enthält auch einen zum dritten male aufgewärmten Brei, den ich längst der Katze vorgesetzt habe. Und dennoch sollen und müssen sich des Herrn Hauptpastors liebe Kinder diesen beschnuffelten, beleckten Brei wieder in den Mund schmieren lassen.

Zitat:
Sagen Sie an, Herr Hauptpastor, was habe ich gegen Sie geschrieben, warum Sie nicht nach wie vor Hauptpastor in Hamburg sein und bleiben könnten? Ich hingegen könnte das nicht sein, könnte das nicht bleiben, was ich bin; wenn Ihre Lüge Wahrheit wäre. Sie wollen mir die Nase abschneiden, und ich soll Ihrer nicht mit ein wenig assa foetida räuchern?

Zitat:
Warum wollen wir das kleinere Übel nicht dulden, das eben dieses Gute hervorbringt? O ihr Toren! die ihr den Sturmwind gern aus der Natur verbannen möchtet, weil er dort ein Schiff in die Sandbank vergräbt, und hier ein anders am felsigen Ufer zerschmettert! O ihr Heuchler! denn wir kennen euch. Nicht um diese unglücklichen Schiffe ist euch zu tun, ihr hättet sie denn versichert: euch ist lediglich um euer eignes Gärtchen zu tun; um eure eigne kleine Bequemlichkeit, kleine Ergetzung. Der böse Sturmwind! Da hat er euch ein Lusthäuschen abgedeckt, da die vollen Bäume zu sehr geschüttelt, da eure ganze kostbare Orangerie, in sieben irdenen Töpfen, umgeworfen. Was geht es euch an, wie viel Gutes der Sturmwind sonst in der Natur befördert? Könnte er es nicht auch befördern, ohne eurem Gärtchen zu schaden? Warum bläst er nicht bei eurem Zaune vorbei? oder nimmt die Backen wenigsten weniger voll, sobald er an euren Grenzsteinen anlangt?

Zitat:
We lächerlich, die Tiefe einer Wunde nicht dem scharfen, sondern dem blanken Schwerten zuzuschreiben! Wie lächerlich also auch, die Überlegenheit welche die Wahrheit einem Gegner über uns gibt, einem blendenden Stile desselben zuzuschreiben! Ich kenne keinen blendenden Stil, der seinen Glanz nicht von der Wahrheit mehr oder weniger entlehnt.

Zitat:
Und inzwischen, Herr Hauptpastor, inzwischen haben Sie dennoch die Grausamkeit, Ihre Beschuldigungen zu wiederholen? in diesem geschrärften Tone zu wiederholen? Also sind Sie allwissend? Also sind Sie untrüglich? Also kann schlechterdings in meiner Wiederlegung nichts stehen, was mich in einem unschuldigern Lichte zeigte? was Sie einen Ihrer Klage zurück zu nehmen, bewegen könnte? Also, wie Sie eine Sache einmal ansehen, so, vollkommen so, sind Sie gewiß, daß Sie dieselbe von nun an bis in Ewigkeit ansehen werden? In diesem einzigen Zuge, Herr Hauptpastor, stehen Sie mir ganz da, wie Sie leiben und leben. Sie haben vor dem Feste nicht Zeit, die Verteidigung des Beklagten zu hören. Sie wiederholen die Anklage, und schlagen seinen Namen getrost an den Galgen. Nach dem Feste, nach dem Feste, werden Sie schon sehen, ob auf seine Verteidigung der Name wieder abzunehmen ist, oder nicht! Gegen einen solchen Manne wäre es möglich, die geringste Achtung beizubehalten? Einem dritten vielleicht. Aber nicht dem, nach dessen Kopfe diese Steine zielen. Gegen einen solchen Mann sollte es nicht hinwiederum erlaubt sein, sich aller Arten von Waffen zu bedienen? Welche Waffen können meuchelmörderischer sein, als sein Verfahren?

Zitat:
Immer glaubt Herr Klotz, mir auf den Fersen zu sein. Aber immer, wenn ich mich, auf sein Zurufen, nach ihm umwende, sehe ich ihn, ganz seitab, in einer Staubwolke, auf einem Wege einherziehen, den ich nie betreten habe.

Zitat:
Wenn ich sage, »es ist noch nicht Nacht«: so sagt Herr Klotz, »aber Mittag ist doch schon längst vorbei.« Wenn ich sage, »sieben und sieben macht nicht fünfzehn«: so sagt er, »aber sieben und achte macht doch fünfzehn.« Und das heißt er mir widersprechen, mich widerlegen, mir unverzeihliche Irrtümer zeigen!

Zitat:
Seine Lobsprüche waren mir äußerst ekel, weil sie äußerst übertrieben waren, und seine Einwürfe fand ich höchst nüchtern, so ein gelehrtes Maul er auch dabei immer zog. Mein wertester Herr, hätte ich ihm sagen müssen, das eine ist, einem Weichrauch streuen, und ein anderes, einem das Rauchfaß um den Kopf schmeißen. Ich will glauben, daß Sie das erste tun wollten, aber das andere haben Sie getan. Ich will glauben, daß es Ihre bloße Ungeschicklichkeit in Schwenkung des Rauchfasses ist; aber ich habe dem ungeachtet die Beulen und fühle sie.

Zitat:
Itzt ist mein Bogen voll; und mehr als einen Bogen sollen Sie auf einmal von mir nicht erhalten. Es ist erlaubt, Ihnen den Eimer faulen Wassers, in welchem Sie mich ersäufen wollen, tropfenweise auf den entblößten Scheitel fallen zu lassen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Sprüche und Pfeile
BeitragVerfasst: Fr Mai 24, 2013 9:22 
Enzensberger hat geschrieben:
Ich habe nie recht verstanden, wozu Nationen da sind. Jene Leute, die am liebsten von ihnen sprechen, haben mir’s am allerwenigsten erklären können, ja, sie haben es nicht einmal versucht. Ich meine die enragierten Nationalisten und ihre Widersacher, die enragierten Anti-Nationalisten.

Seit ungefähr dreißig Jahren höre ich die einen wie die anderen sagen, daß ich ein Deutscher bin. Ich verstehe ihre Emphase nicht recht, denn was sie mir versichern, das bezweifle ich gar nicht, ich will es gerne glauben, es ist mir seit geraumer Zeit durchaus geläufig. Dennoch werden die Leute es nicht müde, jene bescheidene Tatsache immer wieder vorzubringen. Ich sehe es ihren Gesichtern an, daß sie das Gefühl haben, als hätten sie damit etwas bewiesen, als hätten sie mich aufgeklärt über meine eigene Natur und als wäre es nun an mir, mich entsprechend, nämlich als Deutscher, zu verhalten.

Aber wie? Soll ich stolz sein? Soll ich mich genieren? Soll ich die Verantwortung übernehmen, und wenn ja, wofür? Soll ich mich verteidigen, und wenn ja, wogegen? Ich weiß es nicht, aber wenn ich das Gesicht meines Gegenübers aufmerksam betrachte, kann ich erraten, welche Rolle er mir zugedacht hat. Ich kann diese Rolle ausschlagen oder akzeptieren. Aber selbst indem ich sie ausschlage, werde ich sie nicht los; denn in der Miene meines Gegenübers zeichnet sich bereits die Reaktion auf meine Reaktion ab: Empörung oder Genugtuung, Billigung oder Wut, nämlich darüber, daß ich mich, als Deutscher, so oder anders verhalte.

Meine Nationalität ist also keine Qualität, sondern eine Erwartung, die andere in mich setzen. Natürlich nur eine unter vielen derartigen „Rollenerwartungen“. Auch hinsichtlich meines sozialen Status, meines Familienstandes, meines Alters treten mir in jeder Gesellschaft gewisse idées fixes entgegen, die mich zu dem formieren oder deformieren sollen, was ich in den Augen der Gesellschaft bin: also etwa ein Dorfbewohner, ein Dreißigjähriger, ein Hausbesitzer und so weiter. Merkwürdigerweise sind alle diese Bestimmungen um so leichter abzuschütteln, je handgreiflicher sie sind. Die Nationalität, als abstrakteste und illusionärste unter ihnen, ist zugleich die hartnäckigste.

Wenn ich den Geschichtsbüchern trauen darf, so hat es, vielleicht vor dem Ersten Weltkrieg, eine Zeit gegeben, in der Nationalität mehr war als eine psychologische Größe.

Ich erkläre mir das folgendermaßen. Auf dem Weg von der steinzeitlichen Urhorde zur planetarischen Industriegesellschaft scheint die Entfaltung der Produktivkräfte irgendwann im neunzehnten Jahrhundert einen Punkt erreicht zu haben, wo die souveräne Nation ihnen ein optimales Organisationsprinzip bot. (Aus dieser fernen Zeit stammen vermutlich Beschwörungsformeln wie „Buy British“, „Deutschland, Deutschland über alles“, „La Grande Nation“ oder „Deutsche Wertarbeit“.)

Seitdem haben sich die produktiven (und destruktiven) Kräfte, über welche die Menschheit verfügt, derart weiterentwickelt, daß die Nation als Form ihrer Organisation nicht nur obsolet, sondern zu einem lebensgefährlichen Hindernis geworden ist. Souveränität ist längst zur völkerrechtlichen Fiktion geschrumpft. Nur am Biertisch wird sie noch buchstäblich und ernst genommen. Nicht einmal die Zollbeamten scheinen mehr daran zu glauben. Wie die monegassischen Garden wirken sie als Staffage. Ihr verlegenes Lächeln bittet um Entschuldigung, wenn sie uns ihr Kreidekreuz auf den Koffer malen. Wenigstens im westlichen Europa wird der Begriff des Auslandes immer mehr zur Reminiszenz. Für die Konzernverwaltungen, Fluggesellschaften und Generalstäbe existiert er nicht mehr.

Wer aus Deutschland kommt, für den ist dieses Erlöschen der Nationalität als einer gesellschaftsprägenden objektiven Kraft verhältnismäßig leicht sichtbar, leichter jedenfalls als für die Bewohner älterer Nationalstaaten. Wir haben es sehr spät zu einer nationalstaatlichen Identität gebracht, und wir haben uns ihrer nie sehr sicher gefühlt. Daher mag der hysterische Überschwang rühren, mit dem in unserem Land seit 1870 der sogenannte „nationale Gedanke“ – der streng genommen, nie ein Gedanke war – affichiert worden ist. Im Jahre 1945 ist uns diese Identität abhandengekommen, und zwar so gründlich, daß man sich fragen muß, ob von einer deutschen Nation überhaupt noch die Rede sein kann. Für einen Bürger von Frankfurt am Main liegt New York vor der Tür, dagegen ist die Reise nach Frankfurt an der Oder psychologisch, politisch und geographisch zur Expedition geworden. Der Fall beweist, daß sich Nationen rein administrativ und von außen, von einem Jahr aufs andere, zunichte machen lassen; er beweist damit die Hinfälligkeit des Prinzips der Nationalität.

Natürlich macht uns dieser Vorgang nicht zu Kosmopoliten. Obwohl der Idee der Nation objektiv nichts Handfestes mehr entspricht, lebt sie subjektiv, als Illusion, äußerst zäh weiter. Illusionen von solchen Ausmaßen sind aber ernst zu nehmen. Sie sind ihrerseits Realitäten, und zwar psychologische Realitäten von explosiver Kraft. Ich habe mich oft gefragt, was uns so fest an diese Zwangsvorstellungen fesselt. Vermutlich ist es uns zu mühsam, eigene Ressentiments und Komplexe, Idiosynkrasien und Neurosen zu entwickeln. Das Phantom der Nation stellt jedermann ein präfabriziertes seelisches Möblement zur Verfügung, in dem er sich preiswert einrichten kann. Noch dazu handelt es sich um ein Sortiment von der Stange, das die eigene Auswahl überflüssig macht und den enormen Vorzug hat, daß man es mit vielen anderen teilt. Das schafft eine gewisse behagliche Solidarität, wie man sie etwa unter Leuten beobachten kann, die dasselbe Automodell fahren.

Dabei spielt es keine Rolle, ob es das schnellste oder langsamste, das beste oder das schlechteste Fabrikat ist. Neben den althergebrachten Wettlauf um Macht und Ansehen ist in unseren Tagen ein makabrer Wettbewerb getreten, den die Schatten der einstigen Nationen um die Frage austragen, wer am tiefsten gesunken sei und die größten Sorgen habe. Dieses Spiel, bei dem die alten Regeln sich in ihr Gegenteil verkehren, ist besonders unter Intellektuellen beliebt. Amerikanische Liberale führen ihr Rassenproblem ins Feld, italienische Sozialisten den Klerus, englische Kritiker ihr Establishment, russische Literaten den Stalinismus.

Bei diesem Spiel, das einen masochistischen Zug hat, gewinnen natürlich unweigerlich die Deutschen. Ihre beiden Trumpfkarten sind: die „unbewältigte Vergangenheit“ und „die deutsche Frage“. Mit diesen beiden Schlagworten sind der Faschismus und die deutsche Teilung gemeint, und um beide Sachverhalte haben sich komplizierte, genau festgelegte nationale Rituale herausgebildet.

Ich kann dieser Rituale nicht recht froh werden. Ich werde den Verdacht nicht los, daß es sich dabei um bloße Umkehrungen handelt. Allzu ähnlich sehen sich Selbstverachtung und Selbstlob, Selbstbemitleidung und Überheblichkeit. Uniberprüft bleibt dabei die Voraussetzung, die mir eitel scheint: daß es sich, wie der bezeichnende Ausdruck dafür heißt, um ein „nationales Schicksal“ handle.

Vielleicht ist es dieses illusionäre Moment, das unsere Beschäftigung mit dem Nazismus moralisch und politisch so unproduktiv macht. Die Nabelschau, die sich auf den sogenannten Volkscharakter richtet, stimmt mich nachgerade ungeduldig. Sie verklärt die Eigenschaft „deutsch“ von neuem zur metaphysischen Größe – nur daß das diesmal mit umgekehrtem Vorzeichen geschieht. Wie einst das Gute, so wird jetzt das schlechthin Böse biologisch oder rassisch lokalisiert. Auch eine gewisse Deutsch-Feindlichkeit in anderen Ländern möchte die Verbrechen der zwölf Hitler-Jahre lieber manichäisch deuten als historisch analysieren. Dort wie hier gibt man einer scheinbar ewigen, unveränderlichen bösen Substanz die Schuld, die, mit einem Wort, „typisch deutsch“ sei.

Diese Art, Vergangenheit zu „bewältigen“, ist nicht nur steril, sondern geradezu verdächtig. Mehr und mehr nimmt sie die zeremoniellen Formen einer Teufels-Austreibung an. Die offiziell zur Schau gestellte Zerknirschung ist eine abergläubische Prozedur. Ihr sonderbares Motto heißt: Qui s’accuse, s’excuse.

Ein solches Verfahren kann nie und nimmer leisten, was man sich von ihm verspricht. Niemand wird je vergessen oder verzeihen, was in Auschwitz geschehen ist. Ich kann den staatlich verordneten Massenmord im industriellen Ausmaß nicht für ein nationales Problem der Deutschen halten. Deutsche haben ihn verübt. Dieser Umstand scheint manche Leute mehr zu bekümmern und mehr zu beschäftigen als die Entdeckung, daß der Mensch zu allem fähig ist. Diese Entdeckung verharmlost, wer Auschwitz zur deutschen Spezialität, zum Produkt einer hypothetischen deutschen Volksseele machen will.

In Wirklichkeit verdient diese Volksseele keinerlei Interesse. Ich vermute, daß sie, mit Ausnahme von manchen Deutschen und Deutschenhassern, der ganzen Welt zum Halse heraushängt. Ebenso langweilig sind die monotonen Selbstanklagen, die man seit 1945 aus unserem Linde hört. Als ginge es im Ernst darum, unser kollektives Seelenheil zu retten; als wäre nicht der Begriff eines kollektiven Seelenheils selber eine unhistorische Mystifikation!

Wie unhistorisch dernationale Exorzismus bleibt, das zeigt sich an seiner Folgenlosigkeit. Wem ist damit gedient, daß sich „das deutsche Volk“, wie es in Regierungserklärungen heißt, an die Brust schlägt, wenn soviel innere Ein- und Umkehr nicht einmal jene Regierung dazu vermag, die Nazis aus ihren öffentlichen Ämtern in den Parteien, den Administrationen, der Armee, den Geheimdiensten und der Polizei zu entfernen? Was taugt eine nationale Erschütterung, die uns nicht einmal zu der Einsicht verhilft, daß zwischen dem Faschismus und der deutschen Teilung ein stringenter historischer Zusammenhang besteht? Wieviel Glauben kann man der öffentlich plakatierten Reue über die Judenhetze schenken, solange in der Bundesrepublik die lächerlichste Kommunistenhetze fortdauert?

Unsere nationale „Selbstbesinnung“ treibt viele sonderbare Blüten, aber die erstaunlichste von ihnen ist doch wohl das Verhältnis, das wir zur Sowjetunion gefunden haben. Natürlich ist die Sowjetunion der Erzfeind, das versteht sich ja beinahe von selbst. Aber nicht nur das: sondern es ist in Westdeutschland auch das Gefühl weit verbreitet, als wäre uns von Seiten der Sowjets das bitterste Unrecht widerfahren. Den Sowjets dürfen wir nicht trauen, sie sind tückisch und brutal, Angst vor ihnen ist Bürgerpflicht. Andererseits sind sie uns natürlich weit unterlegen, vor allem kulturell.

Vor mir habe ich eine kleine Landkarte. Sie trägt die Überschrift: Bevölkerungsverluste im Zweiten Weltkrieg. Auf dieser Karte sind Kreuze zu sehen: ein Kreuz steht für eine Million Getötete. Ich sehe fünf Kreuze in Deutschland, fünf Kreuze in Polen und eines in Jugoslawien stehen. Zwanzig solcher Kreuze finde ich neben dem Wort: Sowjetunion. In einem kleinen Museum in Leningrad sah ich ein daumengroßes Stück verdorrten Brotes. Das war in den Wintermonaten zur Zeit der deutschen Belagerung die Tagesration für die Einwohner der Stadt. Sie war kleiner als eine Häftlingsration in Buchenwald.

Ich habe nicht den Eindruck, daß in der Bundesrepublik irgend jemand versucht, diese Vergangenheit zu „bewältigen“. Dazu wäre das übliche Ritual auch kaum geeignet. Denn diese Vergangenheit hat direkte historische und politische Folgen, und statt unverbindlicher Schuldgefühle und seelischer Andachtsübungen legt sie Handlungen und Folgerungen für die Zukunft nahe.

Ich habe das Beispiel der Sowjetunion erwähnt, weil es zeigt, wie ungebrochen der nationale Narzißmus fortbesteht und wie wenig damit gewonnen ist, daß er sich gelegentlich mit umgekehrten Vorzeichen schmückt. Mit seinen Mitteln ist heute nichts mehr auszurichten und keine ernsthafte Frage mehr zu lösen. Krieg und Frieden, die Verschiedenheit der ökonomischen und politischen Weltsysteme, die konstante Möglichkeit des Völkermordes, zu dem täglich neue Vorbereitungen getroffen werden – das alles sind keine nationalen Probleme. Das Schlimmste an der deutschen Teilung ist nicht, daß die Deutschen unter ihr leiden, sondern daß sie zu einem Weltkrieg führen kann; die atomare Rüstung der Bundesrepublik bedroht den Frieden, nicht weil der Nationalcharakter der Deutschen teuflisch wäre, sondern weil sie die Sowjetunion provozieren muß; der Faschismus ist nicht entsetzlich, weil ihn die Deutschen praktiziert haben, sondern weil er überall möglich ist.

Ein Deutscher zu sein, das scheint mir kein schwierigeres oder leichteres Los als irgendein anderes. Es ist keine Kondition à part, sondern eine Herkunft unter vielen. Ich sehe keinen Anlaß, sie zu beklagen oder zu verleugnen, und keinen, etwas Hervorragendes in ihr zu sehen. Es liegt im Begriff jeder Herkunft, daß man sich nie ganz von ihr trennt; aber ebenso liegt es in ihrem Begriff, daß man sich jeden Tag von ihr entfernt. Meine Mitmenschen, die den Umstand, daß ich ein Deutscher bin, wichtiger nehmen, als ich es tue, will ich nicht unnütz vor den Kopf stoßen. Daß ich ein Deutscher bin, diesen Umstand werde ich akzeptieren, wo es möglich, und ignorieren, wo es nötig ist.


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Gnu-Hirte
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BeitragVerfasst: Do Sep 26, 2013 0:55 
Ulkiges (durchweg bloß Bertrand Russell, weil der eine verdammte Unterhaltungsmaschine ist):
Bertrand Russell: Proposed Roads to Freedom hat geschrieben:
Now began a long period of imprisonment in many prisons and various countries. Bakunin was sentenced to death on the 14th of January, 1850, but his sentence was commuted after five months, and he was delivered over to Austria, which claimed the privilege of punishing him. The Austrians, in their turn, condemned him to death in May, 1851, and again his sentence was commuted to imprisonment for life. In the Austrian prisons he had fetters on hands and feet, and in one of them he was even chained to the wall by the belt. There seems to have been some peculiar pleasure to be derived from the punishment of Bakunin, for the Russian Government in its turn demanded him of the Austrians, who delivered him up.
Bertrand Russell: Proposed Roads to Freedom hat geschrieben:
Meanwhile, the reaction had been everywhere gaining ground. In May, 1849, an insurrection in Dresden for a moment made the revolutionaries masters of the town. They held it for five days and established a revolutionary government. Bakunin was the soul of the defense which they made against the Prussian troops. But they were overpowered, and at last Bakunin was captured while trying to escape with Heubner and Richard Wagner, the last of whom, fortunately for music, was not captured.
Bertrand Russell: The History of Western Philosophy hat geschrieben:
Already during Luther's lifetime, unwelcome and unacknowledged disciples had developed the doctrine of Anabaptisn, which, for a time, dominated the city of Münster. The Anabaptists repudiated all law, since they held that the good man will be guided at every moment by the Holy Spirit, who cannot be bound by formulas. From this premiss they arrive at communism and sexual promiscuity [Was sonst!]; they were therefore exterminated after a heroic resistance.
Bertrand Russell: Unpopuläre Betrachtungen hat geschrieben:
Hegels Philosophie lässt sich folgendermaßen umreißen: Die wirkliche Wirklichkeit ist zeitlos, wie bei Parmenides und Plato, aber es gibt außerdem eine in Erscheinung tretende Wirklichkeit, die sich in der Alltagswelt in Raum und Zeit realisiert. Das Wesen der Wirklichkeit aber kann allein durch die Logik bestimmt werden, denn es gibt nur eine Art von möglicher Wirklichkeit, die nicht in sich selbst widersprüchlich ist. Diese heißt die »absolute Idee«, Hegel gibt von ihr folgende Definition: Die absolute Idee als höchste Einheit der subjektiven und der objektiven Idee ist der Begriff der Idee – ein Begriff, dessen Objekt die Idee als solche ist, und für den das Objektive Idee ist – ein Objekt, das alle verschiedenen Merkmale in seiner Einheit einschließt. Es widerstrebt mir, die strahlende Klarheit einer solchen Definition durch einen Kommentar zu verderben, aber tatsächlich könnte man dasselbe mit den Worten ausdrücken: »Die absolute Idee ist reines Denken über reines Denken.« Hegel hat sich selbst bereits hinreichend bewiesen, dass das Denken nur über das Denken nachdenken kann, weil es gar nichts anderes gibt, worüber man nachdenken könnte. Manche Leute werden das vielleicht etwas langweilig finden und sagen: »Ich denke lieber über Kap Horn oder den Südpol oder Mount Everest oder den großen Andromeda-Nebel nach; ich befasse mich mit den Zeiten, in denen die Erdrinde sich abkühlte, während das Meer vor Hitze kochte und Vulkane über Nacht aufbrachen und wieder verschwanden. Ich halte den Vorschlag, meinen Verstand allein mit den nächtlichen Elaboraten wortspinnender Professoren anzufüllen, für eine unerträgliche Zumutung und bin der Meinung, dass es wirklich nicht der Mühe wert war, durch diesen Wortschwall hindurchzuwaten, wenn weiter nichts der Lohn dafür ist.« Mit diesen Worten würden sie der Philosophie Lebewohl sagen und glücklich weiterleben, bis sie gestorben sind. Doch wir würden Hegel Unrecht tun – und das möge Gott verhüten -, wenn wir diesen Leuten zustimmten. Denn Hegel würde uns darauf hinweisen, dass das Absolute, wie der Gott des Aristoteles, niemals über etwas anderes als sich selbst nachdenkt, weil es weiß, dass alles andere Illusion ist, dass wir jedoch, die wir als Sklaven des zeitlichen Prozesses in einer Welt der Phänomene zu leben gezwungen sind, die wir nur die einzelnen Teile sehen und das Ganze höchstens in Augenblicken mystischer Schau vage erahnen können – dass wir als illusionäre Produkte der Illusion so zu denken gezwungen sind, als ob Kap Horn tatsächlich für sich bestünde und nicht nur als Idee im göttlichen Geist. Wenn wir an Kap Horn denken, geschieht in Wirklichkeit nichts anderes, als dass das Absolute sich eines Kap Horn-Gedankens bewusst wird. Es hat wirklich solch einen Gedanken, oder besser solch einen Aspekt jenes einen Gedankens, den es zeitlos denkt und ist, und dieses ist die einzige Wirklichkeit, die Kap Horn zukommt. Da wir aber solche Höhen nicht erreichen können, tun wir am besten, an das Kap in der allgemein üblichen geographischen Weise zu denken.
Bertrand Russell: Unpopuläre Betrachtungen hat geschrieben:
Aber was hat das alles – wird hier jemand einwenden – eigentlich mit Politik zu tun? Auf den ersten Blick vielleicht nicht viel. Für Hegel dagegen ist der Zusammenhang ganz deutlich. Aus seiner Metaphysik folgt ohne weiteres, dass wahre Freiheit im Gehorsam gegenüber einer beliebigen Autorität besteht, dass Redefreiheit ein übel und die absolute Monarchie etwas Gutes ist, dass der preußische Staat zu seinen Lebzeiten der beste aller bestehenden Staaten war, dass Krieg gut ist und eine internationale Organisation zur friedlichen Bereinigung von Streitigkeiten ein Unglück wäre. Vielleicht werden einige meiner Leser nicht sofort einsehen, wie solche Folgerungen zustande kommen. Deswegen möchte ich mit einigen Worten auf die Zusammenhänge eingehen. Obwohl die Zeit etwas Unwirkliches ist, hat die Folge von Erscheinungen, aus der sich die Geschichte zusammensetzt, doch eine merkwürdige Beziehung zur Wirklichkeit Hegel entdeckte das Wesen der Wirklichkeit durch einen rein logischen Prozess, den er »dialektisch« nannte und der in der Entdeckung von Gegensätzen in abstrakten Ideen besteht und ihrer Angleichung, indem man sie konkretisiert. Jede dieser abstrakten Ideen wird als Entwicklungsstufe der »Idee» aufgefasst, deren höchste Stufe die »absolute Idee« ist. Seltsamerweise wiederholt nun der zeitliche Prozess der Geschichte aus einem Grund, über den sich Hegel niemals ausgelassen hat, die logische Entwicklung der Dialektik. Man könnte – da die Metaphysik auf die gesamte Realität angewendet zu werden beansprucht – annehmen, dass der zeitliche Prozess, der ihr parallel läuft, kosmisches Ausmaß hätte, aber nichts von alledem! Er ist lediglich an unseren Planeten gebunden, beschränkt sich auf die überlieferte Geschichte und (so unglaublich es klingen mag) ausgerechnet nur soweit sie Hegel bekannt war. Verschiedene Völker haben zu verschiedenen Zeitpunkten die Stadien der Idee verkörpert, die der dialektische Prozess zu jener Zeit erreicht hatte. Von China wusste Hegel nur, dass es existierte, deswegen verkörperte China die Kategorie des bloßen Daseins. Von Indien wusste er nur, dass die Buddhisten an das Nirwana glauben, deshalb stellte Indien die Kategorie des Nichts dar. Die Griechen und Römer hatten auf der Liste der Kategorien schon bessere Plätze, aber alle späteren Stufen blieben den Deutschen vorbehalten, die seit dem Niedergang Roms die einzigen Bannerträger der »Idee« gewesen waren und 1830 die »absolute Idee« fast vollständig verwirklicht hatten. Für jeden, der noch die Hoffnung nährt, dass der Mensch ein mehr oder weniger vernünftiges Wesen ist, muss der Erfolg dieses Unsinns erstaunlich sein.
Bertrand Russell: Unpopuläre Betrachtungen hat geschrieben:
Hegel veröffentlichte seinen Beweis, dass es genau sieben Planeten gebe, gerade eine Woche vor der Entdeckung des achten. Die Sache wurde vertuscht, und eine neue, umgearbeitete Auflage hastig vorbereitet; immerhin gab es einige Spötter.
Und aus seinem mathematischen Schaffen ein bisschen Logik:
Bertrand Russell: Unpopuläre Betrachtungen hat geschrieben:
Da ehrbare Frauen so langweilig waren, wurden oft die zivilisiertesten Männer in den zivilisiertesten Ländern homosexuell.


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